Leseprobe

„Beraubte Wut“ von Arion Golmakani

Kapitel 1

Wie ein sanfter Windhauch schlängelte sich Baba durch den frühabendlichen Verkehr. Er fuhr sein Rad mit der Anmut eines Edelmanns, der auf einem Pferd reitet. Sein Oberkörper war ganz aufrecht und bewegungslos, während er in die Pedale trat. Schaute man nicht auf seine Beine, war es unmöglich zu erkennen, dass er auf einem Fahrrad saß. Selbst die eisige Winterluft, die wie ein Ledergürtel gegen mein vor Kälte taubes Gesicht peitschte, schien den Fluss seiner Gedanken nicht zu stören. Sie brachte ihn nicht zurück von dem Ort, an den sein Geist ihn entführt hatte – wo auch immer dieser liegen mochte. Ab und zu drehte ich den Kopf und sah ihn an, in der Hoffnung, seinem Blick zu begegnen, doch vergebens. Babas kleine braune Pupillen hatten seine Seele zu einem weit entfernten Horizont getragen, weit hinter die Häuser der Stadt, die vor uns lagen. Ich fragte mich, ob er über mich nachdachte. Ich fragte mich, ob er mich, wenn er denn die Mittel gehabt hätte, für mich zu sorgen, nicht hätte loswerden wollen.
 
Ich saß vor Baba, umklammerte den kalten Chromlenker seines Fahrrads mit meinen bloßen Händen, die sich vor Kälte bereits bläulich verfärbt hatten. Die Winter in dieser Gegend waren hart. Meine Ohren fingen den eisigen Wind und ließen Schmerz und Kälte tief in meinen Kopf eindringen. Ich war zu ängstlich, um den Lenker loszulassen und meine Ohren mit den Händen zu bedecken. Ich wünschte, ich hätte eine Mütze, so eine, die man sich tief ins Gesicht und bis über die Ohren herunterziehen konnte. Fest presste ich meine rissigen Lippen aufeinander, kniff die Augen zu und hielt meinen Atem an, solange ich konnte, um nur irgendwie die Kälte draußen zu halten. Mein Stiefvater brachte mich zurück zu der Pflegefamilie, von der ich gerade erst weggelaufen war. Schon jetzt vermisste ich meine Mutter und meinen kleinen Bruder Mehdi.
 
Ich liebte Baba. Er war der Mann meiner Mutter und die einzige Vaterfigur, die ich je kennen sollte. Meine Mutter nannte ihn Mansoor Aqa – Herr Mansoor – aber ich sagte lieber „Baba“ zu ihm, das ist Farsi für „Papa“. Er war es, der mich damals, als ich noch klein war, mit all den schönen Dingen des Lebens vertraut gemacht hatte: Kino, Pepsi-Cola und Eis. Baba war in seinen frühen Zwanzigern, er war verhältnismäßig groß und ansehnlich, ein breitschultriger Mann mit John-Wayne-Attitüde. Männer mit unehrenhaften Absichten wagten es nicht mehr, meiner Mutter vom Markt nach Hause zu folgen oder sie mitten in der Nacht in Angst und Schrecken zu versetzen, indem sie in der Gasse vor unserem Haus Liebeslieder sangen – nein, das trauten sie sich nicht mehr, seit Baba in unser Leben getreten war. Er war furchtlos und stark und konnte es mit mehr als einem Mann aufnehmen, ohne dass dabei auch nur ein einziges Haar seiner perfekten Frisur verrutschte. Einige Male hatte ich ihn in Aktion erlebt. Seine Stimme war ganz sanft, aber seine Fäuste konnten, wenn es die Situation erforderte, töten. Er war Schneider von Beruf und sah aus wie die Filmstars aus den Schwarz-Weiß-Filmen der 1950er-Jahre, in die er mich freitags immer mitgenommen hatte.
 
Vor Baba waren die einzigen Männer, die ich gekannt hatte, die Brüder meiner Mutter und ihr Vater gewesen, die vom Land kamen und auf eigentümliche Weise sprachen und sich kleideten. Sie trugen Anzüge aus billigem Stoff, die bereits nach wenigen Wochen zu hängen begannen und sich an Ellbogen und Knien ausbeulten. Die Ärmel ihrer Jacken schienen nie bis an ihre Handgelenke zu reichen und kaum hatte man sie ein paarmal gewaschen, reichte ihr Hosensaum nicht mehr bis zu den Knöcheln. Sie hielten nichts davon, Kleider zu bügeln, da sie glaubten, dies mache den Stoff mürbe. Baba hingegen trug stets neue Kleider aus europäischem Stoff, die immer perfekt gebügelt waren. Meine Mutter pflegte zu sagen, „Mit den Bügelfalten von Mansoor Aqa’s Hosen kann man eine Melone zerteilen.” Außer meinem leiblichen Vater war er der einzige Mann, den ich persönlich kannte, der eine Krawatte und gestärkte weiße Hemden trug. Baba hatte einen dünnen, perfekt getrimmten Schnurbart, der ein nicht wegzudenkender Teil seiner Oberlippe war. Sein Gesicht war sauber rasiert und mit europäischem Aftershave bespritzt, sein Haar war stets gegelt, zurückgekämmt und seitlich gescheitelt.
 
Oft hörte ich die anderen Frauen aus dem Haus tuscheln, während sie am Brunnen die Wäsche wuschen oder Geschirr spülten; weshalb – wo es doch so viele heiratswürdige jungfräuliche Mädchen auf der Welt gab – sollte ein so attraktiver, junger, lediger Mann wie Mansoor Aqa quer durchs Land reisen, von Orumiyeh nach Mashhad, und eine geschiedene Frau mit einem Kind heiraten? Meine Mutter glaubte steif und fest, das Auftauchen von Baba sei die direkte Antwort auf ihre Gebete bei Imam Reza. Was mich selbst betraf, so war ich einfach nur dankbar dafür, dass Baba in unser Leben getreten war – die Frage, weshalb er ausgerechnet meine Mutter gewählt hatte, spielte für mich keine Rolle. Er veränderte unser unsicheres und dumpfes Dasein von dem Tag an, als er das erste Mal einen Fuß in unser Leben setzte, er machte uns mit Farben vertraut, als alles, was meine Mutter und ich kannten, grau war. Er besaß all die Eigenschaften, die sich ein sechsjähriger Junge von seinem Vater wünscht; er war stark, lustig und liebevoll.
 
Zu beiden Seiten der Naderi-Straße, unter dem dunklen, ultramarineblauen Frühabendhimmel, erhellten Lichterketten und summende Gaslaternen die Gehsteige. Darunter boten Händler gekonnt saisonale Früchte und süß duftende, frittierte Backwaren feil. Pyramiden aus schimmernden süßen Zitronen, Orangen, Khakis, Granatäpfeln und riesigen weichen Datteln färbten die Gehsteige und kitzelten die Geschmacksnerven der hungrigen Fußgänger auf dem Nachhauseweg. Die dichte, kalte Luft, geschwängert vom köstlichen Duft nach Zucker, Rosenwasser und Kardamom, der aus den Bergen unterschiedlichster landestypischer Süßigkeiten aufstieg, füllte meine Lungen. Der schiere Anblick der Unmengen süßer Krapfen und Baklava, die vor den Ladentüren und auf hölzernen Handkarren zum Verkauf angeboten wurden, schmerzte meinen Kiefer. Ich hätte schwören können, dass mir all diese Leckereien einladend zublinzelten, als Baba mit dem Fahrrad daran vorüberfuhr. Ich erinnerte mich, dass er, als er und meine Mutter frisch verheiratet waren, donnerstagabends stets mit einer Schachtel oder eine Tüte mit irgendeiner Köstlichkeit – Gebäck, Süßigkeiten oder frischem Obst – unter dem Arm nach Hause kam.
Früher am Tag war ich sehr hungrig gewesen. Meine Mutter war so sehr damit beschäftigt gewesen, sich zu sorgen, wie Baba reagieren würde, wenn er nach Hause käme und mich dort vorfände, dass sie an nichts anderes denken konnte, schon gar nicht daran, mir etwas zu essen zu machen. Ein paar Stunden, bevor Baba von der Arbeit kommen sollte, wurde sie unruhig. Sie lief in dem kleinen Zimmer auf und ab, murmelte vor sich hin und betete. Als ich das letzte Mal von einer Pflegefamilie fortgelaufen war, war Baba überhaupt nicht erfreut gewesen. An den versteinerten Mienen von meiner Mutter und Baba und der ohrenbetäubenden Stille am nächsten Morgen, als wir um den Frühstücks-Sofreh herumsaßen – eine Art Tischdecke aus Plastik oder Stoff, die auf dem Boden ausgebreitet wird, um darauf das Essen zu servieren –, erkannte ich, dass sie, während ich schlief, noch einmal meinetwegen gestritten hatten. Obwohl Baba darauf bestand, dass meine Mutter meinem leiblichen Vater gegenüber entschieden auftrat, indem sie mich zurück zur Pflegefamilie schickte, zögerte meine Mutter. Sie wollte ihren Sohn bei sich haben und scherte sich nicht um „das Prinzip“ oder darum, ihrem Ex-Ehemann eine Lektion zu erteilen.
 
Mir rutschte das Herz in die Hose, als ich das unverwechselbare Geräusch von Babas Schritten vernahm, die durch den engen Flur näherkamen. Sein Gesicht verfärbte sich blutrot, als er durch die Tür trat und mich abermals in seinem Zuhause vorfand. Seine Enttäuschung, vor allem über die Unentschlossenheit meiner Mutter, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Meiner Mutter war ihre Furcht anzusehen, als sie Baba mit sanfter Stimme begrüßte.
 
Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens – ohne seine Schuhe auszuziehen und sich zu setzen, wie er es oft tat, wenn er von der Arbeit nach Hause kam – warf er die Hände in die Luft und sagte mit seinem schönen türkisch-teheraner Akzent, „Ich kann nicht, Soory joon (meine liebe Soory). Ich bin nur ein Schneider und ich arbeite schon wie ein Esel, um nur die Miete für diese kleine Hütte zu bezahlen, in der wir leben – und um die Bäuche meiner Frau und meiner Kinder zu füllen.“ Er weigerte sich, den heißen Tee anzurühren, den meine Mutter ihm auf ein kleines verchromtes Tablett auf dem Läufer gestellt hatte. „Du versteht es einfach nicht, Soory. Alirezas Vater sollte sich um Alireza kümmern. Er hat doch das nötige Geld. Ich habe es nicht. Jedes Mal, wenn der Junge wegläuft und hierherkommt und du nichts dagegen unternimmst, signalisierst du deinem Ex-Mann, dass es in Ordnung ist, sich wie ein unverantwortlicher Bastard aufzuführen.“
 
Meine Mutter stand da wie ein kleines Waisenkind, starrte auf das Muster des abgewetzten roten Perserteppichs, der den Boden bedeckte, und sagte sanft, „Er ist doch noch ein Kind. Gott wäre nicht damit einverstanden, wenn ich meinem eigenen Sohn sagte, er könne nicht hierherkommen. Was soll ich denn tun, Mansoor Aqa?“ „Ich habe es schon tausendmal gesagt und ich werde es wieder sagen: Bring ihn zum Haus seines Vaters und setz ihn dort vor die Tür. Dann hätte der Mistkerl keine Wahl, als sich um sein Kind zu kümmern. Gott ist mein Zeuge, Soory, dass ich Alireza liebe wie meinen eigenen Sohn, aber es geht mir gehörig auf die Nerven, dass dieser Mann zum Ersten jeden Monats ein gutes und leicht verdientes Gehalt vom Militär einsteckt, während ich sein Fleisch und Blut durchfüttern muss. Ich, ein völlig Fremder aus Orumiyeh, der sechs Tage die Woche an einer Nähmaschine sitzt und jeden einzelnen Rial Nadel für Nadel mit seiner Hände Arbeit verdient. Denkst du, das findet Gott richtig?“ Um mich ging es in der Diskussion an diesem Abend nicht. Die beiden hatten schon so oft darüber gesprochen. Seit Langem musste sich meine Mutter nun schon ähnliche Bemerkungen und Ratschläge, nicht nur von Baba, sondern auch von anderen anhören – oft auch in meiner Gegenwart.
„Bring Alireza zu seinem Vater“, sagten sie ihr. „Warum solltest du deine Ehe und Jugend deinen Kindern opfern, während er das Leben in den Armen seiner neuen Frau genießt?“ Sie stand unterwürfig mit dem Rücken gegen die kühle Wand ihres kleinen und schwach erleuchteten Zimmers gelehnt, die Hände vor dem Körper gefaltet, und brachte kein Wort mehr heraus. Sie ließ den Kopf hängen, ihre Lippen waren gekräuselt und ihre Augenbrauen zusammengezogen – ein stummer Ausdruck des Protests und zugleich eine Geste widerwilliger Kapitulation – eine Geste, die ich inzwischen nur allzu gut kannte. Baba war der Mann und dies war sein Haus. Das war ihre Sicht und es war die Sicht, die ihre Eltern ihr beigebracht hatten. Sie war eine Frau und Frauen hatten dort, wo sie herkam, keine Stimme. Wie sie mir stets sagte, hatte sie großes Glück gehabt, einen jungen, attraktiven, ledigen Mann zu finden, der sie heiraten wollte, der bereit war, sie und ihren Sohn bei sich aufzunehmen. Dieser Mann, der eine Jungfrau hätte haben können, deren Mitgift zwei große Räume gefüllt hätte, hatte stattdessen sie gewählt und da konnte sie nicht undankbar sein.
 
Während die beiden stritten, kauerte ich mich in einer Zimmerecke auf den Boden, neben der Wiege meines kleinen Halbbruders Mehdi und umklammerte meine Knie. Neiderfüllt betrachtete ich Mehdi mit seinen rosigen Pausbacken, der friedlich schlief, während mein Schicksal einmal mehr verhandelt wurde. Ich bemühte mich, weniger bedeutend zu erscheinen, in der Hoffnung, dies würde Babas Herz erweichen und seine Meinung dazu, mich zurück zur Pflegefamilie zu bringen, ändern. Doch ich wusste, dafür war es zu spät. Ich war hier nicht mehr willkommen. Genauer gesagt wusste ich sogar, solange mein leiblicher Vater am Leben war, war ich nirgends willkommen. Für jemanden in meiner Lage war ein lebender Vater ein großes Hindernis.
 
Der berufliche und damit letztlich auch finanzielle Erfolg meines Vaters, nach der Scheidung von meiner Mutter, war nur das Sahnehäubchen auf dem bitteren Kuchen der Feindseligkeit, den alle Familienmitglieder auf der Seite meiner Mutter für ihn gebacken hatten. Dass er sich von meiner Mutter hatte scheiden lassen, war jedoch der eigentliche Anlass für ihren Ärger und in vielerlei Hinsicht der Hauptgrund für mein Unglück. Im Dorf meiner Eltern kannte jeder jeden. Es schien, als sei die eine Hälfte der Dorfbewohner – auf die ein oder andere Weise – mit meiner Mutter verwandt und die andere Hälfte mit meinem Vater. Und diejenigen, die mit keiner der beiden Seiten verwandt waren, hatten Verbindungen zur neuen Frau meines Vaters, die ebenfalls aus diesem Dorf stammte.
Assad Banafsheh – Assad, Sohn von Banafsheh – hatte sich von der Tochter von Qolumali Qassob – Qolumali, dem Metzger – scheiden lassen. In einer Gesellschaft, in der die Devise für die Braut lautete, „Betritt das Haus deines Mannes in einem weißen Kleid und verlasse es erst wieder in einem weißen Leichenhemd”, war eine Scheidung der Todesstoß für eine Frau, ebenso wie sie unweigerlich Schande über ihre Familie brachte. Eine geschiedene junge Frau wurde wie beschädigte Ware betrachtet und galt als Bürde für ihre Eltern. Das konnte man meinem Vater nicht verzeihen. Die Gefühle kochten hoch, besonders aufseiten meiner Mutter, wo man meinen Vater zutiefst verachtete. Für mich war das besonders schlimm. Ich sah aus wie mein Vater, grinste wie mein Vater und war, ohne Frage, der Sohn meines Vaters, woran mich die Verwandtschaft meiner Mutter regelmäßig erinnerte. Für meinen Vater und seinen Teil der Verwandtschaft wiederum war ich Soorys Sohn – und wenn mein Vater und insbesondere seine Mutter diesen Namen aussprachen, klang das nicht gerade freundlich. Meine Anwesenheit schien auf beiden Seiten am Schorf der Wunden zu kratzen, welche die Scheidung verursacht hatte.
 
In jener Nacht wollte ich Baba versprechen, von nun an nur noch ganz wenig zu essen, ein braver Junge zu sein und auf meine Mutter zu hören. Ich wollte ihm versprechen, dass ich nicht mehr ins Bett machen würde. Doch dafür war es zu spät. Er hatte seine Entscheidung schon vor über einem Jahr getroffen. Wieder einmal war es für mich an der Zeit zu gehen. Wie ein kleiner Hund, der immer wieder aus dem Tierheim davonläuft, zurück zu dem einzigen Herrn, den er kennt, kam auch ich immer wieder zurück zu dem einzigen Zuhause, das ich kannte.
 
Baba signalisierte mir mit einer Kopfbewegung, dass es Zeit war aufzubrechen, während er schnellen Schrittes zur Tür ging. In dem dunklen, engen Flur zog ich meine kleinen schwarzen Turnschuhe an, die meine Tante Sarvar für mich von den Zigeunern im Tausch gegen einen kleinen Sack getrockneter Maulbeeren und zwei Rial erstanden hatte. Schon jetzt überkamen mich Heimweh und Angst und ich ertrug kaum den Schmerz, wieder von meiner Mutter getrennt zu werden. Ich wollte weinen und sie bitten, bleiben zu dürfen, doch ich tat es nicht. Damit hätte ich nur noch mehr Salz in die Wunden ihres Herzens gestreut, und ich ertrug es nicht, meine Mutter leiden zu sehen. Ein schwermütiger letzter Blick war alles, was ich für sie aufbringen konnte, als ich durch die Tür ging und Baba in die dunkle Gasse folgte. Wie die Schafe meines Großvaters, wenn er eins ihrer Lämmer nahm und zur Schlachtbank führte, stand meine Mutter regungslos vor der Haustür und blickte mir und Baba nach, als wir auf seinem Fahrrad um die Ecke verschwanden. In ihren Augen sah ich dieselbe Hilflosigkeit wie in den Augen jener Schafe.
 
Auf mein Zeichen hin bog Baba in eine enge Seitenstraße ein und dann in eine alte Gasse, in der meine neueste Pflegefamilie, die mein leiblicher Vater ausgesucht hatte, lebte. Um nicht in Schlaglöcher oder in die Abflussrinne in der Mitte der dunklen Gasse zu geraten, stieg Baba ab und wir gingen den Rest des Weges – nur ein paar hundert Meter – zu Fuß.
 
„Weißt du auch ganz sicher, wo sie wohnen?“, fragte Baba. Ich nickte. Widerwillig führte ich ihn zu dem Haus. Er schob sein Fahrrad bis zum Eingang, griff nach dem Türklopfer und schlug damit gegen die Tür. Ein paar Minuten später hörten wir das Geräusch sich nähernder Schritte auf der anderen Seite der schweren Holztür. Der linke Türflügel wurde geöffnet, die alten Scharniere quietschten unter seinem Gewicht. Ein Mann, den ich nur allzu gut kannte, erschien in seiner Schlafanzughose und mit einer zu einem Dreieck gefalteten Militärdecke über den Schultern, die ihn wärmen sollte.
„Salam (Hallo)“, begrüßte er Baba mit fragendem Gesichtsausdruck. Bevor Baba sich vorstellen konnte, bemerkte der Mann mich, halb versteckt in der Dunkelheit, gegen die Hauswand gedrückt, weit von der Tür und von Baba entfernt. Ich starrte den Mann an wie ein verwirrtes, federloses Spatzenjunges, das aus dem Nest gefallen war und gleich von einem Menschen angefasst werden würde.
 
„Du bist es!“, sagte er etwas unglücklich und erleichtert zugleich. „Wo warst du, Junge? Meine Söhne haben dich schon überall gesucht!“ Dann wandte er sich wieder Baba zu und fragte, „Und wer sind Sie?“ „Salam, aqa. Ich bin der Ehemann seiner Mutter“, antwortete Baba und streckte seine Hand aus. „Soweit ich weiß, hat sein Vater ihn Ihrer Obhut überlassen, daher bringe ich ihn zurück.
 
„Ja“, der Mann nickte betrübt, während er Babas Hand schüttelte. „Er ist heute Morgen von der Arbeit davongelaufen und wir haben uns schon gefragt, was wir seinem Vater erzählen sollten, falls er nicht mehr zurückkäme. Das ist nicht in Ordnung, aqa. Sein Vater ist beim Militär und könnte uns Ärger machen, wenn uns sein Junge abhandenkommt, verstehen Sie?“ „Es tut mir leid, es wird nicht wieder vorkommen. Er ist doch noch ein Kind und weiß es nicht besser. Bitte verzeihen Sie ihm“, beschwor Baba den Mann und warf mir einen strafenden Blick zu. „Er hat versprochen, dass er bei Ihnen bleiben und ein braver Junge sein wird.“
 
„Das hoffe ich. Na gut. Vielen Dank, mein Herr, und Gott sei Dank, dass er wieder da ist. Komm schon, Junge, lass uns ins Haus gehen, es ist ja eisig hier draußen“, sagte der Mann, während er Babas Hand schüttelte. Baba und ich warfen uns noch einen kurzen Blick zu, als er sein Fahrrad hochhob und umdrehte. Dann verschwand er im Schatten der Nacht. Der Mann schloss sogleich die Tür hinter uns, verriegelte sie und eilte schnellen Schrittes über den gefliesten Hof.
 
Während ich hinter ihm herlief, überkam mich unendliche Sehnsucht nach meiner Mutter, Baba und Mehdi.